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    Auerochse


    Geschichte

    Langsam stapfte das riesige Tier durch den Wald. Es war hungrig und müde – alles tat weh … von den Hufen, die vom Weg über scharfkantige Felsen rissig und brüchig waren, bis hin zu den Spitzen seiner abgesplitterten, gewundenen Hörner. Der Wind zerzauste sein struppiges Fell und fraß sich bis in seine Knochen. Äste, von denen es einst saftige, grüne Blätter geknabbert hatte, waren jetzt kahl. Tag für Tag wanderte es umher und suchte vergebens nach einem Weg, seinen knurrenden Magen zum Schweigen zu bringen und dabei den Menschenbestien auszuweichen, die es unbarmherzig jagten.

    In einigen Metern Entfernung folgte eine zerlumpte und müde Gruppe Abenteurer dem schwachen Geräusch knirschender Blätter und brechender Zweige. Der Hunger war allgegenwärtig. Eine Weile hatte er seine Klauen unnachgiebig in ihre Mägen geschlagen und sie zum Handeln gezwungen. Doch mit der Zeit wandelte er sich zu einem zermürbenden Schmerz. Das war der Zeitpunkt, als die Angst sich ihrer bemächtigte und sich festsetzte. Kurz darauf starb der Erste von ihnen. Sie waren sich nicht sicher, ob die Ursache Flüssigkeitsmangel, Krankheit oder schlicht Verhungern war. Sicher war nur, dass weitere Tode folgen würden.

    Dennoch drängte der zusammengewürfelte Haufen voran – den Krieg im Rücken, und den Wintereinbruch vor Augen.

    Sie gingen dazu über, das feuchte Laub nach Maden abzusuchen und an tiefhängenden Zweigen zu kauen. Die seltenen Insekten halfen nur wenig, um ihren Hunger zu stillen, und die nackten Zweige ließen sie würgen. Niedergeschlagen und halb verrückt konnten sie nichts anderes tun, als weiterzustolpern. Sicherlich würde sich ihr Glück bald wenden.

    Und das tat es, als die Gruppe sich am Rande einer kleinen, düsteren Lichtung wiederfand und die Ursache für die Geräusche entdeckte, denen sie gefolgt war. Einen Moment lang starrten sie ungläubig, und jeder glaubte, er hätte einen Fiebertraum, und kein anderer von ihnen würde das Ding sehen. Pippit, der einst so resolute Ritter der Meeraner, der seinen Mumm längst verloren hatte, tippte Haltom von hinten ans Bein. Haltom spähte zu ihm hinab und nickte bestätigend. Der alte Kleriker wusste nicht, wieviel Kampfgeist noch in ihm steckte, doch er schuldete es Pippit und Gernos, es zu versuchen. Wenn es der Wille des Allvaters war, würde der gewaltige Körper des Auerochsen sie sehr lange ernähren und ihnen wärmende Felle spenden; wenigstens so lange, bis sie wieder etwas zu Kräften gekommen waren.

    Mit nichts als primitiven Werkzeugen bewaffnet – kleinen Messern, Steinen und Schleudern sowie einem rostigen Schwert, das sie einem vor langer Zeit zu Tode gekommenen Leichnam abgenommen hatten – sprang die Gruppe wie ein Mann vor. Erschrocken und verwirrt fuhr der von Hunger geplagte Auerochs zusammen. Er schnaubte und schwang sein massiges Haupt umher. Dies war ein Kampf auf Leben und Tod, und die Chancen standen für alle gleichermaßen schlecht. Der Lärm war ohrenbetäubend. Blutrünstige Schreie mischten sich mit den dumpfen Schlägen von Waffen, die auf Fleisch trafen, und dem verzweifelten Grunzen eines Tiers, das entschlossen war, zu überleben.

    Als der Tumult sich endlich legte, stand der Auerochse keuchend und übel zugerichtet zwischen den zerschmetterten Körpern des Klerikers, Ritters und Druiden, die so tapfer gekämpft hatten, um ihn niederzustrecken. Er machte einen unsicheren Schritt, tiefrote Ströme ergossen sich aus unzähligen Schnittwunden an seiner Flanke und sickerten durch sein zottiges Fell, bevor seine Beine nachgaben und er zwischen den sterblichen Überresten der Menschen zusammenbrach.

    Es war Ironie des Schicksals, dass dieser wahre Schatz an Nahrung den Maden und Vögeln anheimfallen würde. Das änderte sich, als sich kurz darauf zwei Gestalten aus den Schatten der Bäume lösten und die Lichtung betraten. Der erste, ein geschmeidiger Halbelf-Meuchler, blieb wie angewurzelt stehen und hob eine Hand, damit sein Gefährte anhielt. Starr vor Entsetzen ließ er einen Herzschlag lang seinen Blick über die Szenerie schweifen. In der Luft lag der schneidende Geruch von gescheiterter Magie und gerinnendem Blut.

    Als er sicher war, dass die Bedrohung, die dieses Massaker verursacht hatte, nicht länger bestand, zog der Meuchler eine lange, gezackte Klinge aus einer Scheide, die in seinen hohen Stiefeln verborgen war. Über seine Schulter hinweg raunte er dem Minotauren hinter sich zu: “Hol das Lastenschwein, ich fange hier schon mal an.” Er hob das Bein einer zerschmetterten menschlichen Leiche an, schnitt die Kleidung ab und begann, zu sägen. Der Minotaure grunzte missbilligend. Der Meuchler sah von seiner Arbeit auf und fauchte: “Kein Wort davon zu den anderen. Fleisch ist Fleisch, und sie werden noch froh sein, es zu haben, wenn der Winter hereinbricht.”

    Bildmaterial

    Crowfall Auerochse Sommerform

    Crowfall Auerochse Winterform

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